Posts

Posts mit dem Label "Texte" werden angezeigt.

Apartment 29

Beim Blick aus dem Fenster sahen wir andere Fenster, zweiundfünfzig an der Zahl, ich hatte sie einmal gezählt, als Christian spät von der Arbeit zurückkam und das Essen kalt wurde. Unsere Wohnung ging zum Hinterhof hinaus, und alle an den Hof grenzenden Fassaden bis auf die unsere waren bereits renoviert worden, gestrichen in verschiedenen Orangetönen, und manchmal, wenn die Abendsonne tief stand, leuchteten sie wie ein Tempel aus Tausendundeiner Nacht. Es war 20.43 Uhr und ein Schlüssel kratzte im Türschloss. Christian war daheim. 

Als Lily ein Drama schreiben wollte

Ein oberflächlicher Betrachter könnte glauben, dass Lily lernt, so tief hat sie den Kopf über ein dickes Buch gebeugt, doch an der Art wie sie die Lippen bewegt sehe ich, dass sie wieder einmal in irgendeiner Geschichte versunken ist. "Lily.“ Ich klopfe mit der Hand auf das Buch. „Schläfst du?“ „Nein“, sagt Lily und zieht das Wort in die Länge. Na-hain. „Aber du lernst auch nicht“, stelle ich fest, und Lily zuckt die Schultern, verneint diese Feststellung aber nicht. „Was machst du dann?“, frage ich. „Ich schreibe“, sagt sie. „Du hast keinen Stift und kein Papier“, erinnere ich sie. „Wozu auch?“, fragt Lily. „Die ganz großen Dramen entstehen erst einmal im Kopf.“   Ich stöhne auf. „Ein Drama also?“ „Aber eines erster Güteklasse!“, bestätigt Lily. „Eine Familie, über der ein verhängnisvoller Fluch lastet, ein junger Held der tragisch stirbt, nachdem sich seine große Liebe mit seinem größten Widersacher verlobt, viel Haareraufen, und elendig lange Monologe.“ „Klingt ...

16 Seiten: Die Last mit der Leselust - Tsundoku

Bild
Auf den 16 Seiten gibt es meine neue Kolumne aus der Reihe "Leselust/Lesefrust" . Stapeln sich auch bei dir die ungelesenen Bücher? Wirst du dem Staub nicht mehr Herr, oder plagt dich ein akuter Bücherwurmbefall? Dann lies mal rein!  Die Last mit der Leselust: Tsundoku

16 Seiten: Leselust/Lesefrust. Die Ästhetik der Bücherregalogie

Bild
Seit geraumer Zeit bin ich nicht nur Vorstandsmitglied des KeinVerlag e. V., sondern auch Redaktionsmitglied der 16 Seiten , der vom Verein geführten Online-Literaturzeitschrift. Neben Vorstellungen von Schriftstellern und anderen Künstlern könnt ihr dort ab sofort Texte aus unserer neuen Kolumnenreihe "Leselust/Lesefrust" lesen - beeindruckende, banale, beängstigende Beobachtungen Bibliophiler. Mein erster Beitrag zu dieser neuen Reihe: "Die Ästhetik der Bücherregalogie".  

Als Lily eine Weihnachtsgeschichte schreiben wollte

In unserer Wohnung steht ein Weihnachtsbaum, der jeder Beschreibung spottet. Goldene und rote Kugeln lassen das Grün des bis unter die Wohnzimmerdecke reichenden Monstrums fast verschwinden, unzählige elektrische Kerzen drängen sich auf den Zweigen, jede mit einer roten Schleife geschmückt, und den restlichen Platz nimmt eine dicke, silberne Lamettaschlange ein. Lily steht vor dem Baum und betrachtet strahlend (ob aus innerer Freude oder doch nur im Glanz der Kerzen, vermag ich nicht genau zu sagen) ihr Werk. „Was meinst du, Fred?“, fragt sie. „Soll noch eine von den kleinen Lichterketten dazu? Dann leuchten aus dem ganzen Baum heraus kleine Lichter, wie Feen im Unterholz.“ Ich lege den Kopf schief. „Ja, unbedingt“, sage ich. „Was der arme Baum braucht, ist noch mehr Glitzer.“ „Super!“, meint Lily, jegliche Ironie gekonnt ignorierend. „Dann mache ich gleich mal weiter. Holst du in der Zeit die Krippe?“ „ Da soll auch noch eine Krippe drunter?“ Ich betrachte zweifelnd die unteren Zw...

Das Athen des Nordens: Ein Ort voller Mythen und Magie

Viele düstere Geschichten erzählt man sich über Edinburgh. Auf einem Streifzug durch die dunklen und verborgenen Gassen der schottischen Hauptstadt erfahren wir, wie hier eine ganz neue Geschichte zum Leben erweckt wurde. Ein literarisch-morbider Ausflug anlässlich eines ganz besonderen Jubiläums. Hätten wir das Elephant House vor zwanzig Jahren betreten, so wäre es uns wohl nur wie ein ganz normales Café erschienen, ein Café mit einer kruden Vorliebe für große afrikanische Landsäugetiere, die sich in dem unspektakulären Gastraum mit den bunt durcheinandergewürftelten runden und eckigen Tischen, Holzstühlen und Ledersesseln auf Leinwand gebannt oder in Ton gebrannt an jedem freien Fleck drängen. Wir hätten den Blick aus dem Fenster genießen, das Edinburgh Castle auf dem Castle Rock in seiner ganzen düsteren Pracht bewundern und ein dem unscheinbaren Ambiente angemessenes Stück Apfelkuchen mit Kaffee verzehren können. Oder eine Portion Haggis für die Tapferen unter uns.  Viell...

Als Lily einen historischen Roman schreiben wollte

Lily hat wieder etwas Neues im Sinn, das sehe ich ihr an, wie sie an dem Eingangsportal des Doms steht und auf mich wartet. Ich bin nicht ganz pünktlich und mein schlechtes Gewissen regt sich. Lily funkelt mich hinter ihren Brillengläsern an. „Was lässt Er mich so lang ausharren an diesem verlassenen Orte?“, fragt sie mit hoher Stimme. Schweigend betrachte ich die Heerscharen von Besuchern, die in den Eingangsbereich des Doms flüchten, teils aus kulturellem Interesse, teils wohl aus Flucht vor dem kalten Novemberwind und den gelegentlichen Regenschauern. „Sorry, Lily?“ Lily streckt die Nase in die Luft und wendet ihr Gesicht ab. „Er ist ein Flegel!“ „Ist alles in Ordnung mit dir? Wer ist Er?“ „Eine Dame warten zu lassen… schäme Er sich!“ „Lily…“ Ich fasse sie an den Schultern und schüttele sie kurz durch. „Wer hat dein Sprachzentrum verknotet? Und warum zum Geier wolltest du mich hier treffen? Ja, ich war zu spät. Meine Güte, es tut mir leid.“ Lily seufzt, allerd...

Ein Hauch von Zwiebeln

Das Messer in ihrer Hand fühlte sich angenehm kühl an und es durchtrennte die helle Knolle auf dem Schneidebrett, als handelte es sich um weiche Butter. Ein energischer Querschnitt, dann zerteilte Eloise die erste Hälfte der Zwiebel in Ringe. Fahrig wischte sie sich mit dem Handrücken über die Augen, die den reizenden Substanzen sogleich Tribut zollten. Schniefend legte sich Eloise die zweite Hälfte zurecht   und führte das Messer in die Nähe ihrer Finger, ohne zu sehen, wo genau sie den Schnitt setzte.   Sie sah das Blut, bevor sie den Schmerz spürte. Reflexartig steckte sie ihren Finger in den Mund, schmeckte Eisen mit Zwiebeln, oder Zwiebel mit Eisen. „Eisenartiger Zwiebelgeschmack“, sagte sie laut zu sich selbst und lachte, ein einsames, hysterisches Geräusch in der hellen Küche, die von der Arbeitsfläche abgesehen, auf der sich sowohl unberührte s Gemüse , als auch bereits gewürfelte Zw iebeln stapelten, fast steril wirkte. Ein Tropfen Speichel, mit Eloises eigene ...

Kolumne: Pokémon Go... Away, Please!

Bild
Neulich bin ich über ein wildes Bisasam gestolpert. Einfach so, im Garten. Ich traute meinen Augen kaum. Wollte ich doch eigentlich nur ein bisschen durchs Zwiebelbeet harken, da schlägt plötzlich ein ungemein großes, grünes Zwiebelexemplar mit messerscharfen Ranken nach mir! Und das Schlimmste daran: Ich hatte mein Smartphone nicht dabei und mein Pokéballgürtel gähnte vor Leere. Was tat ich also? Natürlich ergriff ich die Flucht und ließ somit die einmalige Gelegenheit sausen, in meinem Gemüsebeet ein Bisasam zu fangen. Aber noch nicht genug: Noch am selben Tag passierte mir das gleiche beim Bummel durch die Stadt mit einem Schwarm pickender und bettelnder fetter Taubsis. Okay, die Biester sind eher eine Landplage. Aber trotzdem!  Das Allerschlimmste an der Sache übrigens: Ich besitze überhaupt kein internetfähiges Smartphone! Das heißt, wenn ich plötzlich im hohen Gras über ein Rattfratz, ein Knofensa oder doch ein Abra (die Mistviecher, die immer sofort verschwinden, wenn...

Als Lily einen Krimi schreiben wollte

„Ich muss mit dir reden.“ So begrüßt mich Lily, als ich mit den Gedanken bei der Lasagne von gestern und der Bierdose aus dem Kühlschrank die Wohnung betrete. „Jetzt?“, frage ich. „Sonst ist alles zu spät“, bestätigt Lily. Ich seufze. „Darf ich dabei essen?“ „Natürlich“, erwidert Lily großmütig. In der Küche hat sie einmal mehr Stifte und Papierstöße auf dem Esstisch verteilt, und ich überlege, ob ich wohl im Stehen essen muss. Ich stelle den Teller mit der Lasagne in die Mikrowelle, und Lily scheint meine Absicht zu registrieren, denn sie räumt einen Teil ihres Papierchaos vom Tisch auf einen der beiden wackligen Stühle. Sie selbst setzt sich auf den anderen und ich überlege, ob ich groß genug bin, um auf dem Boden sitzend über die Tischplatte schauen zu können. Die Mikrowelle piept. „Ist was?“, fragt Lily, als ich unschlüssig mit dem Teller in der Hand vor dem Tisch stehe. „Ich habe dir da Platz gemacht.“ „Ja“, sage ich. „Danke.“ Ich stelle den Teller ab und setze mich k...

Die Ballade vom Tode des Herzogs aus Sancerre

In unserem Grenzgänger -Autorenkollektiv betätigen wir uns immer mal wieder im Bereich des "Clue-Writing" (ein cooler, griffiger Ausdruck für das Schreiben nach Schlüsselwörtern, den ich mir vom Clue-Writin g-Blog abgeguckt habe!). Bei dieser Gelegenheit kommt bei mir manchmal sogar etwas annähernd Lyrisches heraus...     Clues dieser Aufgabe: Lebenszeichen, blau, Sancerre, Herzogin, Farce

Als Lily einen Fantasyroman schreiben wollte

Lily zeichnen zu sehen ist ungewöhnlich. Gelegentlich skizziert sie die Personen, die zwischen ihren Ohren herumtanzen, aber die bestehen eigentlich immer aus Punkt, Punkt, Komma, Strich. Und dann wirft Lily den Bleistift auf den Tisch, verkündet, das Mangelhaft in Kunsterziehung sei schon gerechtfertigt gewesen, trinkt einen großen Schluck kalten Kaffee und verzieht das Gesicht. Was Lily da aber zeichnet, sieht nicht nach Strichmännchen aus. Sie sitzt über ein großes Blatt Papier gebeugt und malt Ovale, Wellenlinien, Dreiecke und andere geometrische und nicht-geometrische Figuren neben- und übereinander. Ab und zu wischt sie mit einem Papiertuch über das Gemalte oder radiert einzelne Striche aus. „Was malst du da?“, frage ich. Lily zuckt zusammen, dabei stehe ich schon seit geraumer Zeit hinter ihr im Halbdunkel des unaufgeräumten Zimmers, dessen Ecken das schwache Licht der Schreibtischlampe schon nicht mehr erreicht. „Was machst du da?“ Lilys Gegenfrage ist eine nahezu ein...

Als Lily eine Gruselgeschichte schreiben wollte

„Was schreibst du da?“, frage ich Lily. Allein sie an diesem Ort zu treffen, erstaunt mich. „Gar nichts“, antwortet Lily. „Gar nichts?“ Ich ziehe die Augenbrauchen hoch. „Aber du hast einen Stift in der Hand und einen Schreibblock mit einem unbeschriebenen Blatt auf denen Knien liegen.“ „Eben“, sagt Lily. „Unbeschrieben.“ „Warum schreibst du dann nicht?“ Lily schaut mich an mit diesem Blick, der mir sagt, ich sei der größte Naivling auf Erden. „Ich sammele Inspiration indem ich die Aura dieses Ortes auf mich wirken lasse“, erklärt sie hochtrabend. Ich schaue mich um. „Lily, wir sind auf einem Friedhof.“ „Eben“, sagt Lily. „Lass mich raten: Du schreibst einen Heimatroman?“ „Haha“, macht Lily trocken. „Gut, dann nicht. Vielleicht doch ganz profan eine Schauergeschichte?“ „Erraten“, seufzt Lily.

Als Lily eine lustige Geschichte schreiben wollte

Immer wenn Lily schreibt, bekommt sie diesen völlig entrückten Gesichtsausdruck. Wenn sie überlegt starrt sie dann Löcher in die Luft, egal wo sie sich befindet. So wie jetzt im Café. „Lily?“ Ich fuchtele mit meiner Hand vor ihren Augen herum, die auf ein Bild an der Wand gerichtet sind, eine dieser kitschigen Fotographien, auf denen kleine Kinder küssender- oder schmusenderweise abgebildet sind, in schwarz-weiß mit Farbakzenten, meistens Rosen, wie auch in diesem Fall. Gar nicht Lilys Geschmack, und doch starrt sie schon seit fünf Minuten auf diese tricolore Scheußlichkeit.  „Shht!“, macht Lily. „Ich denke.“ „Soll ich dir dabei helfen?“, biete ich an, denn meine Kaffeetasse ist mittlerweile leergetrunken, der Inhalt von Lilys bestimmt eiskalt geworden, und ich langweile mich. Lily klopft mit ihrem Kugelschreiber, einem dieser billigen Plastikteile, die sie immer zigfach in Drogeriemärkten kauft, gegen ihre Schneidezähne. Lily hat bemerkenswert große Schneidezähne, die ...

Nur die Fliegen, die Fliegen nerven so!

Eigentlich war es ein schöner Sommer, dachte er und griff nach seiner Fliegenklatsche. Die mit dem blauen Griff, aber er hatte noch zwei andere, eine rote und eine schwarze, wo die war, wusste er nur nicht mehr. Das kleine Tierchen hatte sich auf den Küchentisch gesetzt, direkt neben sein Mittagessen, Spinat und Kartoffelpüree. Die Fischstäbchen waren verbrannt, als er auf der Jagd nach vier Fliegen gewesen war, die sich heimlich in die Küche geschlichen hatten. Eklige Biester. Derentwegen hatte er die Fischstäbchen wegwerfen müssen. Diese Fliege war die fünfte heute. Nur in der Küche. Vorsichtig hob er die Fliegenklatsche. Verharrte einen Moment. „Sayonara“, flüsterte er und ließ die Fliegenklatsche unvermittelt auf das arme Tier niedersausen. Drückte noch einmal extra zu, presste es zu Matsch. Zufrieden ließ er die platte Fliege platte Fliege sein und begann zu essen.

Besorgte Burger. Ein Trauerspiel in vier Akten.

Bild
Zum Vergrößern Bild anklicken!