31. August 2016

Grenzgänger-Trip nach Rumänien (II): Die erste Lesung (oder auch: wir sind jetzt wichtig)

 
Tja, da uferte der erste Reisebericht schon aus ... kennen wir ja, nichts Neues, also was tun? Richtig: Den Bericht splitten. Wer schon den ersten Bericht verfolgt hat, der weiß ja, was Sache ist: Grenzgänger, Fernbusfrust, Rumänien, zu kleine Blase, schöne Pension, musikalischer Brainstorm. Ab geht's also mit dem obligatorischen akademischen ... ähm, rumänischen Viertel Verspätung in den Bulli und auf nach Sibiu. Eckdaten: halb sechs, drohender Regen, Arschkälte. Motivation ungebrochen.


Abends - Lesung im Erasmus-Büchercafé


Der Eingang des Erasmus-Büchercafés, Inhaber Jens Kielhorn,
aufgenommen am Samstag (nicht, dass sich jemand über
mangelnde Authentizität bezüglich des Wetters beschwert! :D)
Mir ist schlecht. Nicht vor Aufregung, ganz ehrlich, seit Leipzig hauen mich Lesungen nicht mehr wirklich um - aber diese Schlaglöcher! Wenn man bedenkt, dass selbst mein Vater und meine Schwester es schon schafften, meinen Magen unter deutschen Straßenverhältnissen zum Brodeln zu bringen (ja, ich weiß, ich bin eine Fahrzeugmimose) ... nein, nein. Ich halte während der Fahrt nach Sibiu nach Möglichkeit die Klappe und fühle mich ein wenig käsig (also - noch käsiger als gewohnt), als wir aus dem Bus klettern und akrobatisch diverse Schlaglöcherpfützen umrunden. Ich blicke etwas unglücklich auf meine Ballerinas und die Feinstrumpfhose - irgendein dubioser Online-Wetterdienst (danke, wetter.com, -.de etc.pp.!) war der Ansicht gewesen, in Sibiu gäbe es angenehme 23-30 °C und allenfalls gelegentliche Schauer. Aha. Schön, dass wetter.com und -.de und wer weiß nicht wer sonst noch das wissen - das Hermannstädter Wetter weiß es leider nicht. Noch während wir in den Innenhof des Büchercafés treten und dort endlich auf Christa, Willi und Schlachtenbummlerin Heike treffen, fängt es wieder an zu dröppeln. Na, halleluja. Ich frage mich, wie groß wohl die Motivation bei den Hermannstädtern sein mag, sich bei Usselwetter zu einer Lesung von fünf mehr oder noch mehr unbekannten Deutschen zu schleppen. 

Groß, anscheinend.

Kurz vor Beginn unserer Lesung sind etwa zwanzig Zuhörer im Raum (ich denke kurz an Darmstadt und stelle fest: eine einhundertprozentige Steigerung, der Anteil der Nicht-Gezwungenen dürfte sich etwa vervierfacht haben. Erfreulich, doch.), wir sitzen in einer Reihe vor der Bar, vor uns zwei runde Tische mit Wassergläsern, wie die Hühner auf der Stange - wir, nicht die Wassergläser. Tom, Christa, Markus, meine Wenigkeit, Inak, Ilko samt Akkordeon. Draußen schüttet es mittlerweile, als Ilko zur Einstimmung aufspielt. (Hier eine Hörprobe!)

Der Wortführer spricht.
Meine zwei Theorien zu diesem Bild:
1. Tom hat was am Fuß und alle außer Markus haben's gemerkt.
2. Matheunterricht mit Streber im grauen Hemd.
Tom beginnt mit einem Gedicht (derzeit in Bearbeitung) unseres geschätzten und abwesenden Grenzgängerkollegen Werner, und auch wenn wir unsere Texte weder auf Bärisch, noch auf Berganemonisch lesen, sondern in schnödem Deutsch, so hätten wir doch keinen besseren Einstieg für unsere Lesung finden können. Nach einigen einleitenden Worten von Tom (aka "Wortführer"), spielt Ilko sein Stück für Christa - ihre Begeisterung, die Lesung zu eröffnen war eher verhalten -, bevor sie, aller Verhaltenheit zum Trotz natürlich souverän wie gewohnt, langsam und bedächtig ihre Gedichte vorträgt und das Publikum in eine Art träumerische Trance versetzt - aus der es mit Ilkos nächstem Stück und Markus' kurzen, pointenreichen Texten knochenhart wieder herausgerissen wird.

Ich bin als Dritte an der Reihe. Ich beginne mit ein paar Ausschnitten aus meinem derzeitigen Romanprojekt mit dem Arbeitstitel Der Anfang vom Käse - ja, es gibt wieder ein Projekt, und darüber werde ich hier demnächst in einer eigenen Rubrik mehr berichten. Danach erzähle ich ein paar Takte zu unserer im September erscheinenden KeinVerlag-Anthologie und lese meinen Anthologie-Text Apartment 29. Immer wieder schiele ich auf Christas Armbanduhr - für jeden von uns ist eine Viertelstunde veranschlagt, und bei tendenziell ausufernden Texten ist es nicht eben leicht, überhaupt zwei Texte zu finden, die zusammen nur fünfzehn Minuten Lesezeit ergeben. Dennoch - ob es am Lesetempo liegt, oder daran, dass sowohl Christa, als auch Inak, der nach mir liest und seine kurzen Gedichte zweimal vorträgt, weniger Zeit brauchen: Als Tom seinen Vortrag beginnt, ist etwas mehr als eine Stunde vergangen, und wir liegen somit hervorragend in der geplanten Zeit. Ungeplanterweise wird auch Toms Vortrag etwas kürzer als gedacht, scheint doch Seite 2 seines Textes über "Schlenzy", der eigentlich Schlenski heißt, spurlos verschwunden - was soll's, Tom improvisiert und versorgt das Publikum kurzerhand mit einer Zusammenfassung der fehlenden Seite. Kurz, griffig, Lacher zum Schluss.

Was auf diesem Bild alles vor sich geht,
lässt sich gar nicht in Worte fassen.
Tosender Applaus, Standing Ovations, Zugaben, und dann fliegen die ersten Unterhöschen auf die Bühne. Na ja - gemessen an den Schmeicheleien, die jetzt folgen, hätte durchaus der ein oder andere Schlüppi fliegen können, aber ehrlich gesagt sind mir die diversen Bauchpinseleien dann doch lieber. Während Tom und Christa also professionell ihre mitgebrachten Printwerke signieren, eiern wir armen Druckwerklosen zunächst noch ein bisschen ziellos herum, bis Markus, ganz der "gescheiterte" Profi, den Betreiber des Erasmus-Cafés in ein Interviewgespräch für zugetextet.com verwickelt und wir anderen die restlichen Gäste nach und nach mit Informationen versorgen. Ich gebe mein Bestes, so zu tun, als hätte ich ein fertiges dreihundert-Seiten-Manuskript, dem nur noch der letzte Lektoratsschliff zur Verlagsvorlage fehlt, und irgendwie ist es schwieriger als gedacht, den Leuten begreiflich zu machen, dass KeinVerlag eben kein Verlag ist. Ich schiebe es auf die eigentlich inexistente Sprachbarriere.

So langweilig, wie's aussieht, war's nicht.
Inzwischen hat es sich unaufhörlich eingeplästert (=eingeregnet), und einerseits werde ich langsam müde, andererseits zieht mich in meinen Nylons und Ballerinas nichts wirklich nach draußen. Aber irgendwann ist natürlich das letzte Interview und Autogramm gegeben. (Ja, Autogramm. Ich nenne es so. Es waren ein paar handschriftliche Zusatzinformationen auf der Rückseite eines Flyers für einen besonders hartnäckigen Fan. Dazu im nächsten Bericht mehr.) Wir stürzen uns also wagemutig nach draußen in die Fluten und nach nur einer halben Stunde wackerem Fußmarsch durch den Regen finden wir ein Restaurant mit immerhin zwei nebeneinanderliegenden Vierertischen. Ich bin jetzt seit ungefähr sechsunddreißig Stunden wach und nicht mehr ganz aufnahmefähig - vermutlich der Grund dafür, dass ich nicht bemerke, dass das Dressing meines Salats sich komplett unter besagtem Salat befindet (wer kippt denn auch das Dressing zuerst auf den Teller?) und mich deswegen von eher geschmacksfreien Pilzen, roher Paprika und unangemachtem irgendwas-Kraut ernähre. (Die Geschmacksnerven schlafen auch schon, ist nicht weiter schlimm.)

Nach einer wieder einmal aufregenden Taxifahrt (diese ... Schlag...löcher.) verabschieden Markus und ich uns schon recht schlaftrunken - ja, wir sind Memmen, was das Durchmachen anbelangt, ich vor allem. Was soll's. Für ein paar kleine Anmerkungen reicht die Zeit und Energie noch:

Der aufmerksame Leser mag vielleicht über den ein oder anderen "Begriff in Gänsefüßchen" gestolpert sein. Nun, wie schon im Titel suggeriert, sind wir Grenzgänger jetzt wahnsinnig wichtig. Wir sind Verleger, Anthologieherausgeber, Romanautoren, filigran, Wortführer, Tattoo-Designer und, Markus, es tut mir leid, auch gescheitert. So zumindest die deutschsprachige Hermannstädter Zeitung, also quasi die internationale Presse. Alle vergänsefüßelten Begriffe sind insofern Meinungen Dritter und für die Pazifisten unter uns natürlich alle ohne Gewehr. Peng.

Wie es weiter geht, wie die Lesung auf der Kirchenburg in Michelsberg im Angesicht der Karpaten, der schönsten Kulisse, vor der ich und vermutlich wir alle jemals lesen durften, verläuft, und was Transsilvanien noch alles zu bieten hat - das könnt ihr dann in Kürze in den Folgeberichten lesen. Bis dahin, wie der Rumäne sagt ...

Ich habe immer noch keine Ahnung, wie er sagt. Gute Nacht!



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Einige Bilder habe ich übrigens von meinen Grenzgänger-Kollegen geklaut. Es tut mir leid. Nicht. 

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