29. August 2016

Grenzgänger-Trip nach Rumänien (I): Bus, Blase, Beatles

Zehn Tage bin ich jetzt schon wieder aus Rumänien zurück, und vor lauter Uni-Zeugs, Wohnungssuche und dergleichen noch nicht dazu gekommen, vernünftige Lesungs- und Reiseberichte zu posten! Eine Schande, Schimpf und Schmach einmal wieder über mein Haupt, aber das wird diese Woche jetzt endlich nachgeholt. Zunächst allerdings eine kleine, kurze, freudige Begründung, warum es mit dem Bericht so lange gedauert hat: Zum einen habe ich endlich, endlich, was lange währt, und so, meinen Bachelor bestätigterweise hinter mich gebracht und die Zusage für einen Masterstudienplatz in Literaturübersetzen eingesackt - was bedeutet, dass ich meiner zweiten Heimat Freiburg leider Ende September auf Wiedersehen sagen muss, um wieder Richtung NRW (sprich: ennervé) zu ziehen.

Die letzte Woche habe ich schon mit bisher leider erfolgloser Wohnungssuche in Düsseldorf verbracht - aber bis zum Semesterbeginn Mitte Oktober ist ja noch ein bisschen Zeit, also fleißig Däumchen drücken, dass alles smooth über die Bank geht! Jetzt bin ich erst einmal wieder in Deutschlands Sonnenstadt (und die meinte es die letzten Tage fast schon ein bisschen zu gut) und habe ein bisschen Zeit und Muße, mich den Berichten unserer Rumänien-Reise zu widmen. Let's go, oder wie der Rumäne sagt ... offen gestanden - ich habe keine Ahnung, wie der Rumäne sagt. Jedenfalls sagt er es durchschnittlicherweise nicht auf Englisch. Aber der Reihe nach (wen mein Geplänkel nicht interessiert, der möge einfach direkt zum Lesungsbericht springen!):


Freitag, 12. August

 

Nachts. Und ein abgründiger Exkurs über nichtexistentes Sozialverhalten.


Jeder Mensch ist ein Abgrund. Man schaudert, wenn man hineinsieht, soll Georg Büchner gesagt haben, und mit Wenn du lange in einen Abgrund blickst, blickt der Abgrund auch in dich hinein, setzt der gute, alte Nietzsche wie gewohnt noch einen drauf. Nicht, dass ich irgendeine Ahnung hätte, mit welchen menschlichen Abgründen die beiden Herren zu Lebzeiten zu kämpfen hatten, aber gemessen an ihrem Hang zur Aphoristik müssen das ziemlich schlimme gewesen sein. Allerdings bin ich mir wiederum sehr sicher, dass keiner von beiden sich mit den wirklich schlimmsten, schwärzesten und wohlverborgensten Abgründen der menschlichen Seele hat auseinandersetzen müssen, denn die offenbart sich meines Erachtens nur an einem bestimmten Ort zu einer bestimmten Tageszeit: im Fernbus bei Nacht. 

Als sei es nicht schon eine Zumutung sondergleichen (gleichermaßen für Fahrer und Reisende), sich bei kompletter Dunkelheit in einer rollenden Sardinenbüchse mit ergonomisch verformten Sitzgelegenheiten zusammenrotten, und dieses wenig anmutende Gefährt dann auch noch zu nachtschlafender Zeit in Karlsruhe (karls.RUHE. Ich glaube, nur die Anwesenheit der ortsüblichen Obdachlosencrew und zweier sinn- und zwecklos patrouillierender, grenzadipöser Bahnhofssicherheitsbeamter verhindert die zwangsweise Umbenennung in Karlstod!) wechseln zu müssen, erweisen sich die lieben Mitreisenden einmal wieder als die Bestätigung aller möglicher anzuführender Klischees über den deutschen Fahrgast, die Generation Y und sparsam bis geizig Reisende generell. 

Während Markus, Inak und meine Wenigkeit also um etwa drei Uhr früh als die Beansprucher der letzten drei freien Plätze im Fernbus Richtung Flughafen Stuttgart ratlos im Gang stehen, auf der Suche nach ebenjenen angeblich freien drei Plätzen, scheren sich unsere lieben, stinkefüßigen Mitreisenden nicht einmal einen Feuchten darum, dass auf deutschen Autobahnen Sitz- und Anschnallpflicht herrscht, und niemand etwas davon hat, wenn drei Reisende die Fahrt stehend oder respektive im Busklo verbringen müssen. Während Inak, als erster eingestiegen, nach kurzer Zeit einen freien Platz findet, teilen Markus und ich uns auf, er im hinteren Busteil, ich im vorderen, um nach und nach unsere nicht selten über zwei Sitze ausgestreckten, mit Decken und Schlafbrillen (!!! Ich wusste gar nicht, dass so etwas außerhalb von unbezahlbaren Spas und grausigen "Frauen"filmen überhaupt existiert! Geschweige denn, dass es Menschen gibt, die so etwas benutzen!) wachzurütteln und dreister Weise zu fragen, ob neben ihnen noch Platz ist. Gängigste Antwort: "Grmpfl", gefolgt von "Chhhhrrrr" über "Nnnnnnö" bis hin zu völliger Ignoranz. Ich bin ein umgänglicher Mensch. Aber allmählich merke ich dann doch, wie mir der Kamm schwillt. Ich tippe eine unter einer riesigen Batikdecke vollkommen verschwundene Frau (Mann? Kind? Oger? In Müllsack gestopfte und reglose Leiche?) an. Keine Reaktion. Ich tippe nochmal, etwas fester. Keine Reaktion. Ich tippe mit einem lautstark vernehmlichen "Hey!", was einigen Mitreisenden ein "Sssshhhh" entlockt. Ich gebe auf. In der Busmitte treffe ich auf Markus und einen freien Platz hinter einem rücksichtsvollen und schlafenden Mitreisenden mit zurückgeklapptem Sitz. Mangels Körpergröße beanspruche ich die zwanzig Zentimeter für mich, während Markus mithilfe des Reisebegleiters die unter der Batikdecke vergrabene ach so fest Schlafende weckt. Na also. Geht doch. Ich versuche, eine halbwegs adäquate Haltung einzunehmen, die unbeschuhten Füße meines Hintermanns rechts neben mir zu ignorieren (was mir schwer fällt), und zu schlafen. Mangels Erfolg wende ich mich doch meinem e-Reader zu. 

Hatte ich schon erwähnt, dass ich nicht gut im Bus lesen kann? 
Und dass ich es hasse, durchmachen zu müssen? 
Und dass ich nichts so sehr verachte, wie Mitmenschen, deren Mami ihnen nicht beigebracht hat, dass man in öffentlichen Transportmitteln Platz macht und die Schuhe anbehält?

Morgens


Ich bin mäßig gut gelaunt, als wir steif wie die Vogelscheuchen um sechs Uhr morgens aus dem Bus klettern. Ich bin müde, mir ist schlecht und gleichzeitig habe ich Hunger, muss aufs Klo und stinke vermutlich wie ein ganzer Pumakäfig. Es ging mir schon besser. 

Die Flughafentoilette und ein Bäcker im Terminal geben meiner Stimmung wieder ein wenig Aufschwung. Der Check-In klappt wider Erwarten reibungslos, wir bekommen sogar Flugzeugplätze nebeneinander (obwohl es sich als schwierig gestaltet, dem Bodenpersonal klarzumachen, dass wir drei Leute sind, die zusammen reisen, wenn auch auf zwei Tickets gebucht) und ein, zwei Stunden später treffen wir Tom und Annette, den Rest der Crew, die von Stuttgart fliegt. Bleibt also nur noch die gefürchtete Schleuse als letzte Hürde, aber da ich ein überaus redlicher Mensch bin, setze ich einfach meine Unschuldsmiene auf und verschweige hartnäckig, dass ich zwei sich in der handgepäckrechtlichen Grauzone befindende Rasierklingen in meinem Rucksack versteckt habe. Die Arglosigkeit scheint mir und meinem klischeedeutschen deuter-Rucksack mit Herz-Nilpferd-Anhänger und Homer-Simpson-Button ins Gesicht und auf den dezenten schwarz-grauen Karostoff geschrieben zu sein, und wir beide bestehen den nur-gucken-nicht-anfassen-Scan mit Bravour. Wie auch der Rest unserer Truppe. (Was keine Selbstverständlichkeit ist. Ich weise voraus auf den noch kommenden Bericht unseres an die Lesungen anschließenden Urlaubs! Spoiler-Alarm: Mich hat man nicht befummelt ... ) Also: auf in die Luft und ab nach Rumänien!


Nachmittags


Hmmmm ... also einmal abgesehen von der relativen Reibungslosigkeit und dem entspannten Laissez-faire (oder vielmehr Laissez-les-attendre-chez-l'aéroport - oder so) in Rumänien, bleibt ein erster positiver Eindruck vor allem das Essen (nachdem der Verkehr meinen Magen schon das erste Mal zum Radschlagen bringt, und das, obwohl unser rumänischer Fahrer (dessen Namen ich vergessen habe), mit dem unsere Gastgeber Sigi und Katharina uns abholen, ziemlich smooth fährt). Nach einer eher unruhigen Fahrt (Südosteuropa. Ja. Herzlich willkommen im Klischee.) kehren wir in einem ur-rumänischen Restaurant ein, und während meine lieben Mitmenschen sich an einer wilden Auswahl doch recht fleischlastiger Gerichte gütlich tun (ich versuche tunlichst, das frittierte Gehirn auf dem Teller mir gegenüber zu ignorieren!) beschränke ich mich vorerst auf eine typisch siebenbürgische Schweinefleischsuppe, die es aber geschmacklich in sich hat. Mjammi, sagt da der rumorende Magen, und ich probiere mich vorsichtig durch Markus' Essen (Krautwickel mit Speck und Polenta - nicht das Gehirn!). Während des Essens stößt auch unser späterer Music-Act Ilko zu uns, und im Anschluss, so der Plan, geht es dann erst Richtung Michelsberg in unsere Unterkunft.

Und an genau dieser Stelle wird es Zeit für mich, mich einmal wieder zu benehmen, als hätte ich ein arges mentales Problem. Witzigerweise ist es immer ein anderes Problem. Heute einmal aus der Sparte: "Hunger, Pipi, kalt."
Schon als wir vor dem Restaurant losfahren merke ich "Oh. Wärste besser mal eben." Was eigentlich eher ungewöhnlich ist, normalerweise habe ich keine Mädchen-Blase, und außerdem war ich schon - wider Willen, obwohl ich Inak dafür wecken musste - auf dem Bordklo. Außerdem sind es bis Michelsberg angeblich nur zehn, zwölf Kilometer, eine Leichtigkeit also. Denke ich. Ohne die Rechnung mit den rumänischen Straßenverhältnissen gemacht zu haben. Etwa fünftausend Schlaglöcher später steht mir das Pipi schon in den Augen, und Michelsberg ist noch nicht in Sichtweite. Und dann halten wir auch noch in irgendeinem Kaff jenseits von Sibiu, weil Sigi "mal eben was Geschäftliches erledigen muss" - spricht's und verschwindet, während ich versuche, mir mantramäßig einzubläuen ("Haaahaaahaaa....re Kriiiihiiihiiischnaaa..."), es noch bis zum Hotel auszuhalten. Das geht eine Weile lang gut. Ungefähr 90 Sekunden, dann klopfe ich verzweifelt Katharina auf die Schulter und frage, ob es hier irgendwo ein Klo gibt, eine Eisdiele, ein Dixie-Häuschen, irgendwas!!!? Und Katharina starrt mich ungläubig an und sagt: "Ja, aber, der Sigi ist doch gerade auf Toilette gegangen!", springt aus dem Van und ich ihr hinterher, laufe in die Richtung in die Sigi verschwunden ist und denke bei mir "Woher soll ich das denn wissen? Bin ich Urologe?"

Auffahrt und Haupthaus unserer Pension
Gott segne Pizzerien, die ihre Toiletten der Öffentlichkeit zugänglich machen! Mit leerer Blase finde ich es sogar nur ein wenig befremdlich, dass in der uns eigentlich zugedachten Pension keine zehn (??? Wir sind nur acht Personen.) Zimmer mehr frei sind, und wir somit umquartiert werden in die Pensiunea Casa Belvedere - eine wirklich angenehme Unterkunft, große Zimmer, saubere Bäder und ein für rumänische Verhältnisse wirklich dekadenter Pool - was will das Herz mehr?

Rechts ein Fitzelchen unserer Pension. Man beachte
Stromleitungen und Straßenverhältnisse. Das ist noch
eher oberer Durchschnitt. ;-)

Uns bleibt allerdings nicht viel Zeit, die Wonnen unserer Unterkunft gebührend zu genießen, denn eine kurze Vorbesprechung unserer Lesung steht an. Inak, Markus, Tom und ich scharen uns mit unserem Musiker Ilko um einen Tisch und besprechen die Musikstücke, mit denen der bulgarische Akkordeon-Künstler unsere Lesezeiten individuell einstimmt. Im Großen und Ganzen ist es recht einfach - romantisch für Christa, humorvoll für Markus, nachdenklich für Inak, lebhaft-klassisch für Tom - nur ich bin mal wieder nicht imstande zu erklären, um was es in meinen vorgetragenen Texten geht, also schlägt Tom - wohl in Gedanken an mein Come Together / Abbey Road - T-Shirt, das ich auf dem Flug trug (bequem, Spottpreis von New Yorker) einen Beatles-Song vor - und als Ilko spontan Girl anstimmt, bin ich hin und weg - nicht von Ilko (gut, vielleicht ein kleines bisschen), sondern von der Tatsache, dass auf einer Lesung mit einem Beatles-Song angekündigt zu werden fast schon der Erfüllung eines wilden, unrealistischen Teenie-Traumes gleichkommt.

Würde ich an Omen, Vorzeichen und so einen Killefick glauben - ich müsste vor Selbstsicherheit platzen! Okay, ich geb's zu, ich glaube an Karma - dann sind Vorzeichen wohl auch mit drin.

Auf zur Lesung!


(Grenzgänger-Trip nach Rumänien (I): Die erste Lesung)

Kommentare:

  1. Bravo Alina, so war unsere Reise, voller Überraschungen und Improvisationen. Ich kam erst eine knappe Stunde vor der Lesung in Sibiu an und hatte alles, was vorher war, verpasst. Schön, es hier nachlesen zu dürfen. Ich hoffe sehr, dass wir uns bald wiedersehen und alles Gute für dich und dein weiteres Studium.

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    1. Hallo Christa,

      Vielen Dank für deinen Besuch hier! :-) Ja, Improvisation musste einige Male sein, aber dafür fand ich es umso spannender (und wenn immer alles glatt geht, hat man auch nicht mehr so viel zu berichten! :D). Es kommen auf jeden Fall noch (mindestens) zwei Lesungs-Berichte und ein Urlaub-danach-Bericht ... wie ich mich kenne, aber bestimmt noch mehr. ;-) Wenn der erste Lesungsbericht fertig ist, verlinke ich dann auch noch im Grenzgängerforum, Werner hatte ja auch schon um Berichte und Bilder gebeten, wenn ich mich recht entsinne. ;-)

      Liebe Grüße nach Südtirol, und ja, ich hoffe auch, dass dieses Mal nicht wieder vier Jahre bis zum nächsten Treffen ins Land gehen. ;-)

      LG, Alina

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