22. Juli 2016

Rezension: Wir kommen (Ronja von Rönne)


Titel: Wir kommen 
Autor: Ronja von Rönne 
Genre: Gegenwartsliteratur 
Verlag: Aufbau-Verlag 
Seitenzahl: 208 
ISBN: 978-3-351-03632-4 


Inhalt:


Vier polyamouröse Twenty-Somethings, ein stummes Kind und eine Schildkröte namens 390 Gramm: In dieser Konstellation fährt Nora, auf Rat ihres Therapeuten hin tagebuchschreibende Ich-Erzählerin des Romans, ans Meer, um den Tod ihrer Jugendfreundin Maja zu verarbeiten. Parallel zum Miteinander im Strandhaus erzählt Nora in Rückblicken von ihren Erlebnissen mit Maja aus Kinder- und Jugendtagen.   


Meinung:



Und mehr passiert auch eigentlich nicht. Etwas dürftig an Handlung schöpft der Roman aus dem Vollen, was die Darstellung junger Erwachsener auf der Suche nach alternativen Formen des Lebens und dem Sinn desselben anbelangt, und lässt dabei kein Klischee aus: Die depressive junge Ich-Erzählerin macht ‚irgendwas (ganz Furchtbares!) mit Medien‘, ihr Ex-Freund Karl, Verfechter der Polyamorie, schreibt Ratgeber über das Streben nach Glück und weicht jeglichem Problem aus, seine neue Freundin, Ernährungsberaterin Leonie, bringt eine Essstörung und ihre sprachgestörte Tochter Emma-Lou mit in die Menage-à-quatre, und Jonas, der Vierte im Bund, kann sich selbst eigentlich nicht im gewählten Beziehungsmodell wiederfinden und reagiert durchweg passiv-aggressiv auf sein Umfeld.

Eine derart klischeebehaftete Charakterzusammenstellung, die auch nicht viel mehr tut, als zu reflektieren, sich gegenseitig anzuöden, zeitweise zu verschwinden und eine drogen- und bedeutungsvolle Party zu organisieren, hätte alles Potential dazu, fürchterlich auf die Nerven zu gehen, und sonst nichts weiter zu können, außer, wie Nora es so treffend auf Seite 57 feststellt, eine Metapher zu sein. Wofür auch immer.
„Ich sah viel aus dem Fenster. Felder. Windräder. Ich vertrieb mir die Zeit damit, Dinge mit Symbolik und Metaphorik zu beladen. Schweigen? Metapher. Intakte Matratzen? Metapher. Gemeinsames Lied? Metapher. Wie trinkt der andere seinen Kaffee? Metapher, Metapher, Metapher. Lauter Dinge, die krampfhaft versuchen, mehr zu sein, als sie nun einmal sind, nämlich gottverdammter Kaffee oder eine gottverdammte Matratze. Dinge, die sich irgendwann dafür rächen würden, dass wir sie mit Metaphorik beladen…“ (57)
Vielleicht ist auch Wir kommen nicht mehr als das: eine Metapher. Eine Metapher für eine Generation, die Generation Y, wie es jungen Schriftstellern immer wieder gerne angekreidet wird, ziellos und zugleich ambitioniert, die ewigen Studenten, Singles, Mingles, Suchenden und irgendetwas dazwischen. Vielleicht hätte ich Wir kommen genauso gelesen, als eine 200 Seiten lange Metapher für eine Generation – meine Generation – in deren Klischees man sich mal mehr, mal weniger wiederfinden kann. Wäre da nicht Ronja von Rönnes Sprache gewesen und ihr schnodderiger Wortwitz, dem man ihre Bloggerkarriere von der ersten Seite an anlesen konnte. Neben all der depressiven Selbst- und Fremdreflexion der verschiedenen Charaktere, der Unzufriedenheit der Gruppe in ihrem idyllischen Strandhaus und der beklemmenden Parallelhandlung um Nora und Maja fühlte ich mich großartig unterhalten. Immer, wenn ich meinte, all die Depression nicht mehr auszuhalten, kam eine Passage wie
„Die Schildkröte schaute zurück, als sei sie schon längst ausgestorben. Ich weiß nicht, was Schildkröten fressen. Ich weiß auch nicht, wie die Schildkröte heißt. Ich wusste bis dahin nicht einmal, dass meine Mitbewohnerin eine Schildkröte besitzt. Sie ist in etwa so groß wie die Butterbrote von gesund aussehenden Schulkindern bei denen man sich arg zusammenreißen muss, um ihnen nicht in die Backe zu kneifen und sie proper zu nennen. Habe die Schildkröte gewogen. 390 Gramm.

Ich verliere 390 Gramm häufig, deshalb habe ich ihr einen Heliumballon umgebunden. Jetzt schwebt auf Hüfthöhe ein gelber Ballon durch die Wohnung. Vielleicht ist alles doch nicht so schlimm.“ (47-48),
und genau das war es dann auch nicht mehr. 

Einen Roman, den ich in einem Rutsch lesen konnte, ohne das Gefühl zu haben, dringend eine Pause zu brauchen – denn diese Pausen gewährt die Autorin dem Leser mit ihren humorvollen und treffenden Beobachtungen in Wir kommen selbst – kann ich unmöglich negativ bewerten. Dennoch tragen ein, zwei kleine Wermutstropfen dazu bei, dass ich Wir kommen nicht mit vollen fünf Federn bewerten kann. Zwei, drei kleine Logikfehler sind mir selbst beim oberflächlichen Lesen aufgefallen, wie etwa ein Tablet, das gleichzeitig von zwei Personen in unterschiedlichen Räumen benutzt wird – vielleicht auch nur eine Metapher, wohl aber eher ein grober Schnitzer. Dazu die offenbar obligatorische Fokussierung auf psychische Krankheiten und Drogenkonsum bei allen handelnden Charakteren – von Zeit zu Zeit hätte ich mir einen positiven Ruhepol im Kreis der seelisch zerrütteten Protagonisten gewünscht. Das Herz will, was es will.

Nichtsdestotrotz bewerte ich Wir kommen als ein ruhiges, unaufdringliches und konsequentes Werk – Erstlingswerk! – einer jungen Autorin, scharf beobachtend, zynisch und humorvoll zugleich und eine angenehme Freizeitlektüre mit ob all der vorhergegangenen Hochjubelei und Verrisse positiv überraschten vier Federn und hoffe, bald mehr von Ronja von Rönne lesen zu dürfen. 

Nach meinem wenig begeisterten Start in die Welt der deutschen Popliteratur, bei dem ich Axolotl Roadkill, nachdem ich auf Seite 20 das erste Mal beim Lesen eingeschlafen war, auf Seite 46 dann entnervt zur Seite legte, war Wir kommen eine wirklich positive Überraschung. Ich hoffe, dass dieser weitere folgen und ich in den nächsten Wochen mit weiteren Rezensionen aufwarten kann.

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