Freitag, 15. Juli 2016

Kolumne: Pokémon Go... Away, Please!

pokemon-0001.gif von 123gif.deNeulich bin ich über ein wildes Bisasam gestolpert. Einfach so, im Garten. Ich traute meinen Augen kaum. Wollte ich doch eigentlich nur ein bisschen durchs Zwiebelbeet harken, da schlägt plötzlich ein ungemein großes, grünes Zwiebelexemplar mit messerscharfen Ranken nach mir! Und das Schlimmste daran: Ich hatte mein Smartphone nicht dabei und mein Pokéballgürtel gähnte vor Leere. Was tat ich also? Natürlich ergriff ich die Flucht und ließ somit die einmalige Gelegenheit sausen, in meinem Gemüsebeet ein Bisasam zu fangen. Aber noch nicht genug: Noch am selben Tag passierte mir das gleiche beim Bummel durch die Stadt mit einem Schwarm pickender und bettelnder fetter Taubsis. Okay, die Biester sind eher eine Landplage. Aber trotzdem! 

Das Allerschlimmste an der Sache übrigens: Ich besitze überhaupt kein internetfähiges Smartphone! Das heißt, wenn ich plötzlich im hohen Gras über ein Rattfratz, ein Knofensa oder doch ein Abra (die Mistviecher, die immer sofort verschwinden, wenn man sie nicht mindestens mit Meisterbällen bewirft!) stolpern sollte, könnte ich sie trotzdem nur manuell fangen – und wer schleppt schon ständig einen Beutel voller Pokébälle mit sich herum?

Anfang der Neunziger geboren bin ich natürlich der Inbegriff der „Generation Pokémon“ (die übrigens etwa gleichzeitig mit der „Generation Harry Potter“ wie ein Pilz (oder ein Duflor) aus dem Boden schoss und bei mir keinesfalls miteinander konkurriert, sondern in Symbiose und ewig-nostalgischer Kindheitserinnerung fortlebt, egal ob zwischen mittlerweile verblichenen Buchseiten immer dicker werdender Zaubereiwälzer oder auf dem winzigen, flackernden Bildschirms meines völlig aus der Mode gekommenen Gameboy Colors. Gonna catch’em all!). Ich verbrachte meine Grundschulzeit als Dorfkind zu gleichen Teilen beim Spielen auf der Straße und im Wald, an der Seite von Harry, Ron und Hermine durch Hogwarts streifend und knöpfchendrückend auf der Jagd nach kleinen Mini-Monstern. Bis heute bin ich nicht nur imstande, plötzlich auftauchende Todesser mit einem kleinen Schnippen meines Zauberstabes („Expelliarmus!“) zu entwaffnen, sondern gleichzeitig auch die ersten 151 Pokémon in korrekter Pokédex-Reihenfolge wiederzugeben. (Seien wir doch mal ehrlich: Es geht einfach nichts über die erste Generation!)

Mit dem Fortschritt der Technik verlor ich allerdings meine Pokégeisterung. Während sich Harry brav Jahr für Jahr im selben Look in die Buchhandlungen stahl, forderte jede neue Pokémongeneration nicht nur einen erheblicheren finanziellen Aufwand durch die Kosten des Spiels selbst, sondern auch immer wieder die Anschaffung einer neuen Konsole. Für mich als sparsam und nachhaltig erzogene Jugendliche nicht nur taschengeldbedingt sondern auch prinzipiell nicht tragbar. Die Pokémon waren für mich in ihrer Ursprungsversion stehen geblieben: Edition Rot, Blau und Gelb. Selbst die Anime-Serie habe ich nie weiter verfolgt als bis Staffel drei.

http://www.animaatjes.de/bilder/pokemon/animaatjes-pokemon-94206-182198/Neuerdings kann ich den Pokémon allerdings nicht mehr entkommen (also abgesehen von dem verbiesterten Bisasam in meinem Garten und den penetranten Taubsis im Eiscafé). Egal, welchen Browser man öffnet, welche Zeitung man aufschlägt, welches Nachrichtenmagazin man einschaltet oder wen man in welchem sozialen Netzwerk auch immer gerade stalkt: Überall stolpert man derzeit über die kleinen, allseits bekannten bunten, manchmal tier-, manchmal monster- und in den allerneuesten Versionen auch haushaltsgegenständeähnlichen Trickwesen. Ob mitten auf der Straße, auf Waldwegen, im Museum, auf Friedhöfen oder im KZ Auschwitz – überall können sich Smartphonebesitzer jetzt mithilfe der neuen Augmented-Reality-App „Pokémon Go“ auf die Jagd begeben – und tun dies offensichtlich auch. In den USA, in denen das Spiel schon länger auf dem Markt ist, gab es schon diverse Verkehrsunfälle, weil Spieler (oder vielmehr: Smartphone-Pokémon-Trainer) auf der Jagd auf Straßen liefen oder selbst hinter dem Steuer versuchten, plötzlich auf der Windschutzscheibe aufschlagende Habitaks (oder deren fedrige Überreste) zu schnappen („Gonna catch’em all! Egal in welchem Zustand!“).

Es scheint, der Traum einer ganzen Generation und deren Eltern sei plötzlich wahr geworden: die langsam in die Jahre kommenden Neunziger-Nerds erfreuen sich an der ersten Pokémonjagd in freier Wildbahn, während sich ihre noch weiter in die Jahre gekommenen Eltern darüber freuen, dass die bleichen Stubenhocker endlich einmal an die frische Luft kommen (und sei es nur, um endlich mal ihr Zimmer zu lüften, die leeren Pizzakartons wegzuwerfen und das Bett neu zu beziehen).

Wenn es denn so einfach wäre. Schließlich besteht unsere Generation nicht nur aus sozial inkompetenten Videokonsolenjunkies. Dem Pokéwahn verfallen waren damals ein Großteil der Jungen und eine nicht unerhebliche Zahl an Mädchen, und wenn heute irgendwo ein Pokémonevent stattfindet, schwankt der Altersdurchschnitt wohl in der Regel so zwischen Mitte Zwanzig und Mitte Dreißig. Aber sich selbst in Lebensgefahr begeben oder die Privatsphäre anderer und die Grenzen des guten Geschmacks übertreten, nur um sich ganz dem Spiel einer App hinzugeben? Liebe Altersgenossen, Ersteres macht man nur in der Safarizone, und irgendwo muss doch wirklich einmal Schluss sein! Ich hätte ja nichts gegen Spieler fernab von Gefahrenquellen wie Verkehr und großen Menschenansammlungen – warum nicht räumlich eingeschränkt, wie beim Geocaching? Quasi Pokécaching. In der Natur, auf Waldwegen und in ausgezeichneten Gebieten. Im Spiel fängt man seine Pummeluffs schließlich auch nicht vor der McDonalds-Verkaufstheke, auf dem Grab der Urgroßtante oder im Krematorium eines Konzentrationslagers. Auch wenn sich dort bestimmt sowohl Feuer- als auch Geist-Pokémon ausgesprochen wohl fühlen dürften.

Ich persönlich hoffe, dass der „Pokémon Go“-Wahn so schnell abebbt, wie er aufkam. Ansonsten versuche ich, mit dem Hype so umzugehen, wie mit jedem wiederkehrenden Fußballgroßevent: Mit Kulleraugen dumm aus der Wäsche gucken, den Kopf schütteln, die Schultern zucken und jede Bemerkung anderer mit „Juckt mich nicht“ kommentieren. Dann koche ich mir einen völlig realen Trank, gönne mir ein, zwei Sonderbonbons und begebe mich auf meinen Balkon, in der Hoffnung, dass niemals ein „Pokémon Go“-Spieler herausfindet, dass dort zwei wahnsinnig süße, reale Glumandas leben…
http://www.animaatjes.de/bilder/pokemon/59-106828/


Keine Kommentare:

Kommentar veröffentlichen