3. September 2016

Ein Hauch von Zwiebeln

Das Messer in ihrer Hand fühlte sich angenehm kühl an und es durchtrennte die helle Knolle auf dem Schneidebrett, als handelte es sich um weiche Butter. Ein energischer Querschnitt, dann zerteilte Eloise die erste Hälfte der Zwiebel in Ringe. Fahrig wischte sie sich mit dem Handrücken über die Augen, die den reizenden Substanzen sogleich Tribut zollten. Schniefend legte sich Eloise die zweite Hälfte zurecht  und führte das Messer in die Nähe ihrer Finger, ohne zu sehen, wo genau sie den Schnitt setzte. 

Sie sah das Blut, bevor sie den Schmerz spürte. Reflexartig steckte sie ihren Finger in den Mund, schmeckte Eisen mit Zwiebeln, oder Zwiebel mit Eisen.
„Eisenartiger Zwiebelgeschmack“, sagte sie laut zu sich selbst und lachte, ein einsames, hysterisches Geräusch in der hellen Küche, die von der Arbeitsfläche abgesehen, auf der sich sowohl unberührtes Gemüse, als auch bereits gewürfelte Zwiebeln stapelten, fast steril wirkte. Ein Tropfen Speichel, mit Eloises eigenem Blut vermischt, lief beim Lachen aus ihrem Mundwinkel und sie beeilte sich, ihn fortzuwischen. Die ersten Gäste mussten bald schon kommen, da durfte sie nicht aussehen, wie einem Vampirfilm entsprungen. 

Ein Heftpflaster um den Finger und das Zwiebelschneiden konnte seinen Lauf nehmen. Sie hatte erst die Hälfte der für das Rezept erforderlichen Menge geschält und geschnitten. Schale um Schale landete im Mülleimer, bis Griegs „Morgenstimmung“ durch die Wohnung hallte. Mit dem Messer in der einen und der gerade geschälten Zwiebel in der anderen Hand verließ Eloise die Küche und drückte mit dem Ellbogen den Knopf für den Türöffner, ohne nachzufragen, wer da Einlass begehrte. Sie wusste es ohnehin.

„Eloise, Kind.“ Ihre Mutter nannte jeden „Kind“, der noch nicht mit Krampfadern kämpfte. Der Fliederduft ihres Parfums erreichte Eloises Nase, bevor ihre Eltern die Küche betreten hatten, und vermischte sich mit dem Hauch von Zwiebeln zu einer olfaktorischen Kuriosität. Einen Augenblick später fand sie sich in einer raschelnden Umarmung aus altrosa Seidenstoff und sorgfältig dauergewellten Löckchen wieder.
„Hallo, Mutter.“

Sie wurde auf Abstand gehalten, eine Armlänge, von oben bis unten aus tränenschimmernden Augen taxiert, die noch genauso gut jeden kleinen Makel erkennen konnten, wie vor dem Tag, an dem Eloise ihr neues Leben begonnen hatte. „Wie geht es dir?“
Eloise nickte, deutete auf ihre geröteten Augen, die nassen Spuren auf ihren Wangen. Aus dem Speisezimmer drang leises Geklapper an ihr Ohr. 

„Ich habe deinem Vater gesagt, er soll schon den Tisch decken, das gute Geschirr steht immer noch ganz unten, nicht wahr?“, flüsterte ihre Mutter. Eloise nickte.
„Meinst du, du schaffst das? Es ist nicht gerade üblich, einen Leichenschmaus, Verzeihung, eine Trauerfeier zu Hause auszurichten.“ Ein drittes Mal nickte Eloise, mit tapferer Miene.
„Kind, ich weiß, Herb war immerhin dein Ehemann. Aber er hatte doch auch ein gesegnetes Alter…“
Eloise schlug die Augen nieder.

„Übrigens finde ich es eine ganz reizende Idee, die Trauerfeier zu Hause, im kleinen Kreis auszurichten. Nur sag: Wofür die ganzen Zwiebeln?“
„Zwiebelkuchen.“ Eloise sprach leise, fast ein Flüstern. „Er hat ihn geliebt. Wir beide. Er wollte die letzten Wochen nur noch meinen Zwiebelkuchen zu Mittag.“
„Kind, so eine schöne Geste.“ Ihre Mutter beugte sich über ihre Schulter. „Hast du das Rezept da, dann kann ich dir zur Hand gehen. Danke.“ Sie las mit hochgezogenen Augenbrauen. „Hast du dich denn nicht leidgegessen, die letzten Wochen? Nein? Ach, es ist ja die Geste, die zählt. Lass mich dir helfen, die anderen Gäste müssen bald ankommen.“

Eloise nickte ein weiteres Mal. Mit dem Rücken an den Kühlschrank gelehnt beobachtete sie ihre Mutter, wie sie mit ihr und zugleich mit niemand Bestimmten redend die Zutaten zusammen suchte. Irgendwie freute sie sich auf den Zwiebelkuchen, den ersten seit Wochen, den sie wieder selbst zu sich nehmen würde.

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