11. Juni 2016

Rezension: Der Augensammler (Sebastian Fitzek)

Titel: Der Augensammler
Autor: Sebastian Fitzek
Genre: Psychothriller
Verlag: Droemer Knaur
Seitenzahl: 464
ISBN: 978-3-426-50375-1

Inhalt: 


Alexander Zorbach, Polizeireporter und Ex-Polizist, jagt den "Augensammler", einen mysteriösen Killer, der Mütter ermordet, ihre Kinder entführt und den Vätern 45 Stunden Zeit gibt, ihre Kinder zu finden, bevor er auch diese tötet und ihnen das linke Auge entfernt. Als Alina Gregoriev, eine blinde Physiotherapeutin, auftaucht und behauptet, durch Berührungen in die Vergangenheit ihrer Patienten sehen können, wird Zorbach in ein gefährliches Spiel verwickelt - denn Alinas letzter Patient war der geheimnisvolle "Augensammler" ...

Meinung:


Räusper. Zunächst einmal muss ich ein paar Worte zu meiner Motivation, dieses Buch zu lesen, loswerden. In meinen Teenagerjahren war ich ein begeisterter Leser von Thrillern, je blutrünstiger, desto besser. Mit den Jahren verlor sich allerdings die seltsame Faszination, die Effekthascherei und Brutalität auf mein Teenager-Ich ausübten, und in der letzten Zeit las ich kaum noch Thriller. Über den Namen Fitzek stolperte ich aber immer wieder auf Streifzügen durch das Internet und Buchhandlungen - Kunststück, die riesigen Werbeaufsteller zu übersehen könnte wohl nicht einmal einer Blindschleiche wie mir passieren (um im Augen-Jargon zu bleiben). Diesen Roman fand ich allerdings im Bücherregal meines Freundes und beschloss, dem Thriller-Genre einmal wieder eine Chance zu geben. 

Was beim Lesen des Augensammlers als erstes ins Auge sticht, sind die umgekehrt numerierten Kapitel und Seitenzahlen. Man beginnt auf Seite 439 mit dem Epilog und wähnt sich gleich bei der Deutschen Bahn - ICE Augensammler, heute in umgekehrter Kapitelreihung. Ein Vorwort des Autors weist noch zusätzlich auf dieses beabsichtigte, krude Stilmittel hin - nach eigener Angabe nur, um Leser mit langer Leitung von einer Reklamation abzuhalten. Danke, Herr Fitzek. Wer in seinem Leben schon mal einen Thriller gelesen hat oder nur über ein Mindestmaß an Phantasie verfügt, wird allerdings schnell seine eigenen - und richtigen - Schlüsse über die Rückwärtsgewandtheit des Augensammlers ziehen. Nach zwei der eigentlichen Story nicht wirklich dienlichen Zitaten wird der Leser dann in eine gar nicht mal uninnovative oder langweilige Story hineingezogen. 

Und das muss man Sebastian Fitzek lassen: Tempo kann er. Die Story nimmt schnell an Fahrt auf: Auf den ersten vierzig Seiten erfahren wir Wichtiges aus der Vorgeschichte des Protagonisten Alexander Zorbach, lernen die meisten anderen Charaktere kennen, leiden mit dem entführten Jungen und stolpern über die erste Leiche. Um die Spannung auch ja keinen Moment abreißen zu lassen (als würden die rückwärts laufenden Seitenzahlen nicht schon genug an den erbarmungslos weiterrückenden Minutenzeiger während einer Prüfung erinnern), besteht der Roman fast ausschließlich aus kurzen Kapiteln mit maximal zehn Seiten. Fast jedes dieser Kurzkapitel endet mit einem typischen Fitzek-Cliffhanger (Rezensionen zu anderen Romanen lassen mich vermuten, dass das das bevorzugte Stilmittel des Autors ist). Eine Auswahl berühmter letzter Kapitelsätze:  
71. Kapitel: "Denn die Frau, die mein Versteck entdeckt hatte, war blind." (S. 362) 
70. Kapitel: ""Ich bin mir ziemlich sicher, dass ich gestern den Augensammler behandelt habe."" (S. 356)
69. Kapitel: ""Scheiße, ich habe gesehen, wie er ihr das Genick bricht."" (S. 349)
Man ahnt es schon: Der Leser kommt nicht wirklich zur Ruhe. Man wird quasi durch eine Geschichte mit wechselnden Erzählern gezerrt (Zorbach als Ich-Erzähler, der entführte Junge, Alina und diverse andere Charaktere als personale Erzähler), in der sich - und da bin ich schon fast am Ende des Lobes angekommen - die kuriosen und unwahrscheinlichen Begebenheiten nur so häufen. Eine Drehung und Wendung folgt der nächsten, die Hauptfiguren vollbringen teils Übermenschliches, ohne sich auch nur eine Nacht Ruhe zu geben - schließlich ist der zeitliche Rahmen des Romans, 45 Stunden, von Anfang an vorgegeben. Eine so dichte Handlung birgt meiner Meinung nach immer Gefahren und Potential für Fettnäpfchen, und leider lässt Fitzek kaum eines davon aus. 

Das Problem an der Handlung des Augensammlers ist unter anderem das, was zugleich seine gute Lesbarkeit ausmacht: das hohe Erzähltempo. Durch die Perspektivwechsel und unzähligen parallel laufenden Handlungsstränge kommt eigentlich jede einzelne Handlung zu kurz, und die Charaktere bleiben erstaunlich blass. Die vielen plötzlichen Wendungen bugsieren Zorbach und die anderen Charaktere bisweilen in Sackgassen - wie sie bei jeder Ermittlung schonmal auftauchen können. Anstatt den Problemen aber Raum zu geben (wie auch - die Stoppuhr läuft!), löst Fitzek zahlreiche Situationen auf seine eigene Weise: mit einem Deus ex Machina

Sobald Zorbach oder die ermittelnden Polizeibeamten auf der Suche nach dem entführten Jungen und der Jagd nach dem Augensammler in eine Sackgasse geraten, "sieht" Alina, das blinde Medium, was als Nächstes passiert. Das ist natürlich ziemlich praktisch - wozu auch Logik oder vernünftige Ermittlungsarbeit? - aber ich bin überhaupt kein Freund von diesem Stilmittel. Zumal der "Gott aus der Maschine" hier eine völlig unglaubwürdige und - mir persönlich sehr unsympathische - Figur ist. Ich finde Alina als "Über-Blinde", die selbst Fahrrad fährt, spontan mit ihrem Blindenhund TomTom (ich muss zugeben, der Name ist genial!) Ausflüge in ihr völlig unbekannte Waldgegenden macht und natürlich promiskuitiv veranlagt ist (das hat jetzt nichts mit ihrem Blindsein zu tun, aber ich frage mich, warum meine Namensvetterinnen in Literatur und Film immer irgendwie einen an der Waffel haben müssen (Kinderpferdegeschichten einmal ausgenommen)), an und für sich schon sehr unglaubwürdig, und dann kommt noch ihre "Gabe" hinzu, in anderer Menschen Vergangenheit zu blicken - aber nur mit Einschränkung:

ACHTUNG, SPOILER!

Im Laufe des Romans findet sie heraus, dass sie nicht die Vergangenheit, sondern die Zukunft sieht, und das auch nur, wenn sie sich vorher Schmerzen zufügt. Ich frage mich hier: Warum das?
Außerdem kann Alina, die im Alter von drei Jahren erblindete, sich an keine Gesichter erinnern, abgesehen von denen ihrer Eltern, weshalb alle Menschen in ihren Visionen die Gesichtszüge ihrer Eltern tragen. Und wieder frage ich mich: Warum? Sie sieht doch quasi durch die Augen eines anderen, und Tatorte und andere Umgebungen kann sie eins zu eins beschreiben. Warum dann nicht auch Gesichter? 

Die ganze Figur der Alina finde ich sehr unglaubwürdig. Ich vermute, es war der Versuch des Autors, eine möglichst ausgefallene, ausgeflippte Figur zu kreieren, ohne dabei im Hinterkopf zu behalten, dass weniger manchmal tatsächlich mehr ist. Für mich ist Glaubwürdigkeit und innere Logik eines Romans das A und O. 

Mit der Unglaubwürdigkeit und teilweise an den Haaren herbeigezogenen Plot-Twists wäre allerdings auch schon mein Hauptkritikpunkt abgehandelt. Leider zieht sich diese Problematik durch die ganze Geschichte, die ansonsten durchaus originelle Elemente aufweist und in mir den Wunsch weckte, über verschiedene Nebencharaktere und Hintergründe einfach mehr zu erfahren, sprich: Zorbachs Kollegen Frank, die Kommissare Stoya und Scholle und nicht zu vergessen Zorbachs verkorkstes Privatleben - Elemente, die immer wieder auftauchen, aber doch leider recht oberflächlich abgehandelt werden. 

Nichtsdestotrotz war Der Augensammler packend genug, um ihn in wenigen Tagen durchzulesen, und trotz manchmal ungeschickter Vergleiche und ausführlicher Fäkalsprache doch nie so schlecht, dass ich ihn nicht hätte weiterlesen wollen. Das Ende kam wenig überraschend, aber ein überraschendes Ende ist für mich auch kein Muss bei einem Thriller, erst recht nicht, wenn man die Spannung das ganze Buch über schon beinahe mit dem Holzhammer eingeprügelt bekommt. Deswegen vergebe ich wenig enthusiastische, aber auch nicht wirklich enttäuschte drei Federn.
http://alinaschreibt.blogspot.com/search/label/Annehmbar
Anmerkung: Obwohl mich Der Augensammler nicht gerade vom Hocker gerissen hat, habe ich danach dennoch die Fortsetzung Der Augenjäger gelesen. Die Rezension dazu folgt in Kürze.

Kommentare:

  1. Sehr schöne Rezension! Ich habe zwar dieses Buch nicht gelesen, finde aber, dass die Kritikpunkte weitgehend auch auf "Das Kind" von Sebastian Fitzek zutreffen. Das hohe Erzähltempo, der ständige Einsatz von Deus ex machina, seltsame Plottwists und nicht gerade glaubwürdige Figuren haben mich dort auch gestört - und trotzdem habe ich das Buch als spannend empfunden.
    Mehr habe ich dann allerdings nicht mehr von dem Autor gelesen. ;-)

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    1. Hallo Neyasha,

      Vielen Dank für deinen Kommentar! (Das ging ja fix...) Ich habe im Anschluss dann noch "Der Augenjäger" gelesen, weil das eben auch im Regal herumstand, aber ich denke, dass das dann auch mein letzter Fitzek war (zumindest der letzte, für den ich mir noch die Mühe einer Rezension machen werde). Die ganzen Mankos sind im -jäger noch wesentlich ausgeprägter, als im -sammler, das hat schon ziemlich gestört.

      Interessant zumindest zu hören, dass das auf die anderen Werke Fitzeks auch zuzutreffen scheint. (Hab über "Passagier 23" Ähnliches vernommen.) Mag ja Leser geben, die so ein Hin und Her gern haben, aber ich mag gerade in Thrillern Phasen, die ein bisschen Ruhe vor dem Sturm hinaufbeschwören und den Charakteren und deren Beziehungen Tiefe verleihen, als dass alle nur die ganze Zeit im Tornado durchgerüttelt werden. :-)

      Liebe Grüße und danke fürs Vorbeilesen,
      Alina

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    2. Ich schließe mich Neyasha an: Die Kritikpunkte treffen wirklich auf alle Fitzeks, die ich gelesen habe, zu. Darum hab ich's dann auch nach ein paar Bänden bleiben gelassen, war auf Dauer einfach nicht mehr unterhaltsam ... Ich persönlich finde, Fitzek kann man mal lesen, muss es aber nicht ... Dazu kommt noch, dass in einem seiner Bücher (ich glaube, es war Seelenbrecher, bin mir aber nicht sicher) gegen Ende so ein krasser Perspektivfehler auftaucht, dass ich mich wirklich sehr wundern muss, dass das niemandem aufgefallen ist ...

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